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Antiquariat Neue Kritik

Herzkönig

Hanna Krall

Herzkönig

(auch als E-Book erhältlich)

 

Aus dem Polnischen von Renate Schmidgall

175 Seiten
gebunden
ISBN 978-3-8015-0388-8
19,50 EUR

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Autor / Pressestimmen
 

»Das ist der letzte Abschnitt meiner Reise, und es wäre dumm, wenn ich jetzt verrückt werden würde.«

 

Diese nüchterne Feststellung stammt von Izolda Regensberg alias Maria Pawlicka. Seit der Deportation ihres Mannes nach Auschwitz besteht der Sinn ihres Lebens allein darin, ihren Herzkönig zu befreien. Die fieberhaften Bemühungen werden von Absurditäten und Zufällen, von glücklichen und unglücklichen Fügungen begleitet. In Zeiten der Vernichtung wundert sich Izolda über keine Grausamkeit - auch nicht über die eigene.

 

Bis Izolda schließlich im Mai 1945 im Lager Ebensee auf ihren Ehemann trifft, hat sie eine Odyssee von Lagern und Gefängnissen hinter sich. Das Paar kehrt mit »polnischen« Pässen nach Polen zurück. Jahre später fliegt die geborgte Identität auf, und die beiden erhalten jüdische Pässe, die sie zur Ausreise nach Wien zwingen.

 

Izolda, die hervorragende Spezialistin im Überleben, muss erkennen, dass sie das Leben nach dem Überleben nicht in den Griff bekommt. Sie empfindet zunehmend Fremdheit gegenüber der Welt, deren Fixpunkt ihr verloren gegangen ist. Sie zieht zu den Töchtern nach Israel. Umgeben von alltäglichen politischen Ausnahmezuständen und unverständlichen Wortfetzen lebt sie in ihrer Erinnerung noch im Zweiten Weltkrieg.

 

»Herzkönig« handelt vom Schicksal polnischer Juden - jener, die durch den Holocaust umkamen, und jener, die ihn mit Verletzungen unterschiedlichster Art überlebten. Erschütternde historische Situationen korrespondieren mit persönlichen Katastrophen. Und für jede findet die Autorin knappe Sätze, die beim Leser einen tiefen Schrecken hinterlassen. So einfach und zugleich poetisch schreibt nur Hanna Krall.

Pressestimmen

Wie schreibt man ein Buch mit Schweigen am Rand, mit einer Stille um jeden Satz, als wäre jedes Wort einzeln auf einem Zettel zu uns gekommen? Und wie schreibt man ein Buch mit diesen Zetteln, das sich so spannend liest wie die Erzählung eines stets gefährdeten Überlebens?

»Herzkönig« ist solch ein Buch. Es ist Krieg, und der diktiert den Tod - den einen weist er den deutschen Tod zu, an der Front oder unter Bomben, den anderen einen jüdischen, und es gibt sogar einen dritten, den polnischen Tod. Wer dies zu unterscheiden weiss und alle drei erlebt hat, dem kommt eine Autorität zu, mit der die Frau nun in Israel in ihrem Sessel sitzt und erzählt.

Hanna Krall, die selbst in einem Schrank versteckt überlebt hat, muss diese Erzählung mit ihrem endlosen Reisen und immer neuen Gängen wie die Antithese zu ihrer Geschichte vorkommen. Sie kennt die Schwärze der Nacht und die archaische Schwere, die jeder Entscheidung zukommt, wenn man weiss, es könnte die letzte sein - und dass der Tod nie zaudert. Und Hanna Krall weiss, wie man im Erzählen den Kitsch wegsprengt, wie man das Netz der unwahrscheinlichen Zufälle nachzeichnet und doch glaubwürdig bleibt, sie weiss, wie man das Schweigen um die Wörter erhält, das ihnen Gewicht gibt. Und sie schrieb ein Buch, das mit jeder Lektüre wächst: ein Herzbuch aus lauter einfachen Sätzen und mit der kompliziertesten Geschichte der Welt. Keinen falschen Ton hört man, traumsicher findet die Übersetzung Renate Schmidgalls jedes Intervall. Man schlägt das schmale Buch verwundert zu, trägt es zwei, drei Tage bei sich und beginnt von vorn.

Hans-Jürgen Balmes, NZZ

 

Der Autorin ist mit »Herzkönig« ein sehr eindringliches Buch gelungen, das nicht nur durch seine erstaunliche Geschichte, sondern auch durch seine Sprache berührt und bewegt, ohne jemals sentimental zu werden. »Herzkönig« ist ein wichtiger und vor allem lesenswerter Beitrag zur Aufarbeitung der Judenverfolgung im Zweiten Weltkrieg und wurde 2007 in Polen zum »Buch des Jahres« gekürt.

Karolina Szczepanska, Berliner Literaturkritik

 

So verschränkt sich der Tod gleich auf der ersten Seite mit der Liebe. Hanna Krall, die als Kind den Holocaust überlebte, hat dem Journalismus des (realsozialistischen) Willens ihren ganzen Wirklichkeitssinn entgegengesetzt. Seit dreißig Jahren erzählt sie Geschichten von Menschen und davon, wie deren Leben von der (großen) Geschichte berührt wurde. So arbeitet die gelernte Journalistin an der Bewahrung des kollektiven Gedächtnisses. Viele Geschichten wurden ihr im Laufe der Jahre erzählt, doch nur wenn »hinter einer Geschichte noch ein Geheimnis steckt«, kann sie darüber schreiben, sagt sie.

Diese banale und doch so essentielle Voraussetzung jedes Kunstschaffens hat die Autorin auch formal beherzigt. Das »Geheimnis« der Izolda R., ist, um es schnell zu sagen, die Kraft der Liebe.

Die Welt ist aus den Fugen, wenn man vor dem Mitleid die Flucht ergreift oder wenn »einen Bekannten treffen« ein Synonym für tödliche Bedrohung ist. Durch die Lakonik schafft Krall eine Leichtigkeit, die das Grauen bergen kann. »Je größer die Verzweiflung, desto weniger Sätze braucht man.« Diese ihr eigentümliche Reduktion hat Hanna Krall nun in einem Roman zur Meisterschaft gebracht. Schrecken und Staunen breiten sich im Leser aus. Unglaublich, unfassbar bleibt das Überlebthaben.

Marie-Luise Knott, FAZ

 

Hanna Krall verknüpft die Vergangenheit mit der Zukunft, die Zeit der KZs mit der Gegenwart, die Träume der inzwischen alten Maria von ihren Enkeln, mit den Alpträumen aus der Vergangenheit. Hanna Krall erzählt Marias Geschichte als Endlosfilm, den man anhalten, dessen Ton man abdrehen kann, der aber niemals ganz abzustellen ist. Marias Geschichte, die Geschichte des Holocaust, der Ghettos und KZs liegt über dem Leben, dem Alltag, über der nach dem Krieg irgendwann wieder sich einstellenden so genannten Normalität. Aber eine Normalität kann es nicht geben, nicht für die Menschen, die Dinge erlebt und gesehen haben wie Maria, auf deren Arm eine Auschwitz-Nummer tätowiert ist. Als der Krieg vorbei ist und sie endlich ihren Mann gefunden hat, fragt sich Maria: »Warum freue ich mich kein bisschen?«

Verena Auffermann

 

Ihr Ton ist distanziert und mit den Jahren immer noch karger geworden. Ihre Sprache ist rhythmisch und erhält die hypnotische Wirkung durch Wiederholungen und Parallelkonstruktionen. Hunderte Einzelschicksale hat die polnisch-jüdische Autorin und Journalistin im Lauf der Jahre aus der grauen Masse der Täter und Opfer des Holocaust herausgelöst.

Kralls faktenbesessenes Schreiben ist der Versuch, das Unbegreifliche greifbar zu machen, einen Plan hinter der Willkür des Sterbens und Überlebens zu entdecken. Es gibt keine Zufälle, glaubt Krall. Sie bietet dem Zufall Paroli, gibt ihm eine Form, indem sie Geschichten komponiert.

Julia Kospach, Furche

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