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Antiquariat Neue Kritik

Das Ende der Schlaflosigkeit

Helmut Marrat

Das Ende der Schlaflosigkeit

Eine Geschichte in zwei Teilen

 

240 Seiten
gebunden
ISBN 978-3-8015-0390-1
19,50 EUR

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Autor / Pressestimmen
 

Als er zehn Jahre alt ist, erschießt eine flüchtige Terroristin seinen Vater, einen Polizisten. Seither leidet er unter Schlafstörungen. Alle Versuche, sich davon zu befreien, misslingen. Stattdessen führt er ein abgekapseltes Leben mit seiner Mutter. Er schafft es nicht, sich dauerhaft von ihr zu lösen und lebt ohne eigene Ziele dahin.

 

Als er dreißig Jahre alt ist, plant er selbst einen Mord. Jetzt tötet er die Mörderin seines Vaters, die für ihre Tat nur eine Gefängnisstrafe von fünfeinhalb Jahren erhalten hat. Nach der Tat flieht er nach New York. Dreiundzwanzig Tage gibt er sich Zeit - länger reicht das Geld nicht - , um vor sich und dem Leser Rechenschaft abzulegen. Ist die Tat irgendwie zu rechtfertigen? Soll er sich stellen? Oder wird es ihm endlich gelingen, ein eigenes Leben zu führen?

 

Zeitsprünge und eine fragmenthafte Erzählweise spiegeln im ersten Teil des Romans den Charakter des Protagonisten wider, als dessen Leben noch offen ist. Im zweiten Teil berichtet er kalt und präzise von der Vorbereitung und Durchführung der Tat. Diese Tagebucheinträge aus New York zeugen aber auch von seinem so naiven wie selbstgerechten Wunsch, mit dem vollzogenen Racheakt wieder inneren Frieden - und Schlaf - zu finden.

Pressestimmen

Marrats Geschichte ist klug konstruiert und unprätentiös erzählt. Es gelingt ihm anschaulich, das Milieu, in dem seine Romanfigur gerade keine Entwicklung, sondern trotz einer Fülle von Ereignissen den Stillstand erlebt, zu beschreiben. Als Erzähler konzentriert er sich konsequent auf die Sicht und das Erleben seiner Figur Johannes; er bringt uns Lesern einen Menschen näher, der mit seinem radikal selbstgerechten Versuch, sich aus seiner Opferrolle zu befreien, scheitert - auch wenn es eine Geschichte ist, in der die RAF eine wichtige Rolle spielt, griffe es doch zu kurz und würde dem Autor nicht gerecht, den Roman bloß als Versuch einer zeitgeschichtlichen Verarbeitung zu lesen.

Oliver Tolmein, FAZ

 

Ein unbedingt lesenswertes Buch, das die Terrorismus-Debatte endlich weitertreibt, indem hier erstmals ein Blick auf die nicht-promineten Opfer geworfen wird.

Lars Brinkmann, The Epoch Times Deutschland

 

Einen Einblick in die erstarrte Seele eines jungen Mannes, der sich aus familiären Verstrickungen bislang nicht zu lösen vermochte, gewährt Helmut Marrat in seinem Debütroman »Das Ende der Schlaflosigkeit«. In teils atemlos fragmentarischer, teils kühl präziser Sprache erzählt das Werk auf mehreren Zeitebenen von einem etwa Dreißigjährigen, dessen Vater - ein Polizist - von einer flüchtigen Terroristin erschossen wurde, als er selbst zwölf Jahre alt war. Schuldgefühle binden ihn seither in Hassliebe an seine Mutter - was eigenes Leben mit beruflichem Erfolg, Freundschaft, Liebe und sexueller Erfüllung nahezu unmöglich macht. Der in Hamburg und Berlin lebende Marrat (46), der als Schauspieler und Autor arbeitet, formuliert hier vor allem den Aspekt der Rache: Vermag es der Antiheld, sich mittels Tötung der inzwischen aus der Haft entlassenen Terroristin aus seinem eigenen Seelengefängnis zu befreien?

dpa-Kulturredaktion

 

Helmut Marrat spielt in seinem Erstling mit verschiedenen Genres, er verquickt kriminalistische Elemente mit psychologischen Beobachtungen und politischen Passagen über das Verhältnis des Einzelnen zum Staat. »Das Ende der Schlaflosigkeit« ist sprachlich über weite Strecken gelungen, packend erzählt und intelligent aufgebaut. Alles in allem ein vielversprechendes Debut. Man darf gespannt sein, was als nächstes folgt.

Susanne von Schenck, hr2-Buchbesprechung

 

Inhalt:  

Leseprobe

Vorerzählung

1

Als er vierzehn Jahre alt war, stürzte er eines Tages von der Schule nach Hause. Er rannte, so schnell er konnte. Zu seiner Mutter. Er war glücklich. Heute hatte er etwas gehört und das musste er seiner Mutter unbedingt erzählen: Der Vater einer seiner Mitschülerinnen war gestorben. Von diesem Tag an, da war er sich sicher, hatten seine Mutter und er endlich wieder Grund zur Hoffnung. Sie waren nicht länger allein.

2

Als er zehn Jahre alt war, kehrte eines Tages sein Vater von seinem Diensteinsatz nicht wieder nach Hause zurück. Auch wenn er seinem Vater geglaubt hatte, dass sie beide nach dessen Rückkehr noch eine Runde Ball spielen würden, kehrte sein Vater nicht wieder zurück. Er wartete fast bis zur Dunkelheit. Er setzte sich auf die Stufen vor der Hoftür und wartete. Als es schon beinah dunkel war, kam ein fremdes Auto angefahren. Zwei Männer stiegen aus, die sich als Kollegen seines Vaters vorstellten und dringend seine Mutter sprechen wollten. Dann teilten sie ihr mit, dass ihr Mann in Ausübung seines Dienstes umgekommen sei. Erschossen von einer flüchtigen Terroristin.

3

Als er siebzehn Jahre alt war, lud ihn eines Tages ein entfernter Verwandter zum Essen ein. Er fand das ziemlich blöd, mit einem ihm fast Fremden essen gehen zu sollen. Aber dieser entfernte Verwandte, ein Vetter dritten Grades, köderte ihn damit, dass er ihn über die wahren Hintergründe der Tat, die seinen Vater das Leben gekostet hatte, aufklären werde. Er wolle den Jungen nach vorn bringen. Obwohl seine Mutter dagegen war, fuhr er hin. Aber das, was er zu hören bekam, brachte ihn nicht nach vorn. Das warf ihn zurück.

4

Als er dreiundzwanzig Jahre alt war, hatte er sich soweit gefangen, dass er nun ernsthaft daran ging, einen Beruf zu ergreifen. Vor allem aber, er wollte weg aus dieser Stadt. So weit weg wie möglich. So schnell weg wie möglich. Viel zu lange war er geblieben. Er wollte studieren. Chemie. Von mehreren Universitäten hatte er sich die Unterlagen schicken lassen. Sich dann beworben. Und einen Studienplatz erhalten. Und dennoch blieb er. Warum blieb er?

5

Als er einunddreißig Jahre alt war, hatte er sich mit seinem Schicksal arrangiert. Er mochte diese Wörter zwar nicht. Schicksal. Arrangiert. Aber anders ließ sich das nicht sagen: Er hatte sich mit seinem Schicksal arrangiert. Einige Zeit noch hatte er sich die Frage vorgelegt, warum er geblieben war. Obwohl das doch bedeutet hatte, sein eigenes Leben aufzugeben. Obwohl das doch bedeutet hatte, seine Träume aufzugeben. Aber weil er darauf keine Antwort hatte finden können oder wollen, dachte er darüber nicht länger nach. War es denn so wichtig, ob ihm sein Leben gefiel? Oder ob es ihm genügte? Er hatte sich arrangiert. Und mehr blieb dazu nicht zu sagen. Längst war er derjenige, der das Haus versorgte. Immer von Montag bis Freitag wartete er mit dem Essen auf seine Mutter. Und am Wochenende war er ein geduldiger Begleiter auf den so ausgedehnten Radtouren.

Einen Traum allerdings hatte er sich nicht nehmen lassen. Und der hieß Amerika. Oder genauer gesagt New York. Um dort hinzufahren, dafür fehlte ihm das Geld. Und so blieb das eben ein Traum. Aber das war ja auch gar nicht so schlecht. Es beschäftigte ihn. Er schnitt aus der Zeitung Bilder dieser unerreichbaren Stadt aus. Und die Bilder dieser mit einem Mal verwundeten Stadt auch. Sie aber heilte schnell. Also blieb sein Traum. Und immer wenn er bei Dolgers Buchladen vorbeikam, ging er irgend möglich hinein und sah sich die beiden Bildbände über diese Stadt an. Jedenfalls solange, bis er eines Tages auf seinem Gabentisch einen der beiden Bildbände vorfand. Und von da an sah er sich eben nur noch den einen Bildband an.

Auch seine Schlafstörungen hatte er mehr und mehr im Griff. Für die Stunden, in denen er nicht einschlafen konnte, hatte er eine Therapie entwickelt. Er schrieb. Alles was ihm einfiel, schrieb er in ein kleines Notizheft. Er schrieb übrigens nie über sich selbst. Nur über andere. Und so war im Laufe der Jahre eine ganze Anzahl von Notizheften zusammengekommen. Und wenn er dann geschrieben hatte, legte er sich schlafen. Das Schreiben diente dazu, seine Gedanken zu ordnen. Oder genauer, den Kopf von den lästigen Gedanken zu befreien. Nicht eher legte er sich schlafen, als bis er den Kopf von störenden Gedanken befreit hatte. Und das funktionierte von Jahr zu Jahr immer besser. Bis dann eines Tages seine Mutter eine aufgeschlagene Zeitung vor ihn hinlegte, in der eine Talk-Show angekündigt wurde. Eine Talk-Show mit jener Frau, die seinen Vater getötet hatte und die man jetzt, nach fünfeinhalb Jahren schon, aus der Haft entlassen und sofort in jene Fernsehsendung eingeladen hatte. Natürlich sahen sie sich die Fernsehsendung an. Und schnell hatte er das Gefühl, wieder genau so dazustehen, wie damals als Zehnjähriger. Wie damals als Vierzehnjähriger. Wie damals mit siebzehn. Oder auch wie mit dreiundzwanzig. Was nicht stimmte. Denn diesmal konnte er sich wehren.

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